Bedrichov oder wie wir das beste Bier der Welt entdeckten

Meine Familie kommt aus Tschechien. Das heißt meine Oma kam aus Tschechien und wanderte wegen der Liebe nach Berlin. Zwei Generationen später sollte ich durch böhmische Wälder und Dörfer wandern.

 

Unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbrachten meine Frau und ich als junge, naive Studenten in Bedrichov in der Nähe von Liberec. Wir fanden damals eine kleine, gemütliche Hütte in den Bergen und genossen dort im Herbst die ergiebigen Regengüsse und kalte Nebelschwaden. 

 

Fünf Jahre später wollten wir das unbedingt nochmal erleben, diesmal aber im Frühling. Leider hatten wir mit dem Wetter Pech, es schien nämlich die ganze Zeit die Sonne. 

 

 

Also beschlossen wir das Beste aus dieser vertrackten Situation zu machen und borgten uns Fahrräder für eine Radtour aus. Hier ein kleiner Tipp: Wenn man eine Radtour in den Bergen machen möchte, dann ist es empfehlenswert NICHT das billigste Fahrrad zu nehmen, um Geld zu sparen. 

Ziel unseres Ausflugs war Jizerskohorské Buciny. Das Gebiet ist ein Nationalpark und ist eigentlich ein Buchenwald am Fuße des Isergebirges. Da gibt es auch Felsformationen zu sehen. Klingt unheimlich interessant und spannend?

 

Dachten wir auch. Bedrichov selber liegt auf ca. 700m über den Meeresspiegel, der Nationalpark bei ca. 300m. Wir radelten mit den Fahrrädern durch die Natur und gelangten dann zu einer Strasse. 

 

Es ging für einige Kilometer bergab. Ich raste voran und genoss die Geschwindigkeit, den Fahrtwind, während meine Ehefrau mit dem Quietschen der Fahrradbremsen ihre Hörfähigkeit im Hochtonbereich trainierte. Diese Geräusche hörte ich ganz kurz, dann lange gar nicht und dann wieder, als ich am Fuße des Berges auf sie wartete.

Im Wald selber war es interessant, alles grün, viele Bäume und viele Steine. Wäre interessant für diese neuartigen Steinebeobachter. Wahnsinnig spannend!

 

Oder vielleicht auch nicht! Irgendwann ging es wieder zurück. Die Straße wollten wir nicht nehmen, denn sie schlängelte sich bergauf und würde einen riesigen Umweg bedeuten. Also nahmen wir einen direkten Wanderweg. Wohl gemerkt: Wanderweg! 

 

Wanderwege sind zum Wandern da. Der Weg war nicht für das Fahrradfahren gemacht, es sei denn man hat ein Mountainbike. Wir hatten Mountainbikes. Die Billigen! Die schoben wir bergauf. Wer ein richtig gutes und meist auch teures Mountainbike hat, weiß, dass die leicht sind. Billige mit Stahlrahmen sind es nicht.

 

Der Weg schlängelte sich empor, und wenn mein Blick hilfesuchend zu den Baumkronen ging, schien es immer, dass der Gipfel / Plateau fast erreicht wäre. Nur ist der Wanderweg so konstruiert, den Wanderer über Stunden in die Irre zu führen. Um das Irre führen komplett zu machen, gab es auch viele kleine Kieselsteine. 

 

Welch wunderbare Erfahrung, schlechte und immer schwerer werdende Fahrräder hoch zu schieben und gefühlt nach jedem Schritt wieder herunterzurutschen.

 

An den Händen bildeten sich Blasen, der Schweiß rann an der Stirn, dem Nacken, dem Rücken und als besonderes Highlight die Hosenbeine nebst Unterhose hinab. Ich glaube, er benetzte viele kleine Kieselsteine, die noch rutschiger wurden und den ganzen Spaß komplettierten.

Schau mir in die Augen, Kleines!

Vorsicht ist in den tschechischen Wäldern geboten. An jeder Ecke lauern gefährliche Wildtiere!

Irgendwann hatten wir es geschafft und radelten GAAANZ langsam in Richtung Quartiers. Auf dem Weg wollte ich rechts abbiegen, meine Frau wusste nicht warum. Aber rechts war eine kleine Hütte, wo es Bier gab. Für einen lächerlichen Euro einen halben Liter. 

 

Wir setzten uns hin, der Wirt gab uns das kühle, erfrischende Hopfengold. Als der goldgelbe, süffige Nektar meine Kehle hinabrann, erfuhr ich eine Wiedergeburt und ich erkannte, dass mein ganzes gelebtes Leben ohne tschechisches Bier vollkommen sinnlos war. Denn dieses Bier haben uns die Götter geschenkt, auf das wir armen, kleinen irdischen Seelen von der Schöpfung kosten dürfen.

 

 Das war wahrlich das beste Bier der Welt. Es löschte meinen leiblichen Durst, schmeichelte meinem ausgedörrten Gaumen. Orgastisch seufzend stellte ich es hin, das Bier und schaute in die gleichen, glücklichen Augen meiner Frau. Auch Sie spürte das Gleiche und wir lagen uns lachend und gleichzeitig weinend vor Freude in den Armen. Das beste Bier der Welt. 

 

Und der Wirt schaute uns armen deutsche Wanderer mit mitleidigen Augen an. Er und seine Landsleute konnten schließlich jeden Tag davon laben. Aber aus 2 durstigen, darbenden, deutschen Dörrpflaumen waren 2 neue Menschenkinder geboren.

 

Und bedenket, dass das tschechische Bier, das nach Deutschland exportiert wird, nicht im Geringsten dem Bier in Tschechien ähnelt. Meine Vermutung ist, dass die Exportware eher Ausschuss ist, das in Tschechien noch nicht einmal zum Toiletten putzen verwendet wird. Vielleicht wird dieses Bier als Rache nach Deutschland verkauft, weil in der deutschen Version von Google Maps die Namen der tschechischen Ortschaften mit den alten deutschen Namen versehen sind! Versucht mal nachts beim Fahren, während das  nachfolgende Auto dein  Armaturenbrett mit seinen Nebelscheinwerfern beleuchtet, Friedrichswalde zu finden. Seht es ein, es ist kein deutsches Gebiet mehr! Was soll der Scheiß? Vielleicht aber auch, weil 1996 ein abgefälschtes Golden Goal eine Sensation verhinderte. Nun ja, ich hab mich damals auch gefreut.

 

 

Viele weitere Male sind wir nach Tschechien gereist, um eben dieses andere Bier als Reserve zu kaufen und zu genießen. Wir kaufen mindestens 2 Kästen, nehmen im Supermarkt die mit dem längsten Haltbarkeitsdatum. Alle, wirklich alle schmecken super und tschechisches Bier ist das Beste, aber DIESES Bier damals in den Bergen, nach dieser Torturfahrtour war definitiv das beste Bier der WELT! Prost!!!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: